aurora
Begleitung nach der Geburt
Aurora ist eine Plattform für Betroffene einer postpartalen Depression und für ihr Umfeld. Entstanden ist sie als meine Bachelorarbeit, im Team mit Jasmin Klement und Hana Amer. Mich hat daran interessiert, wie Gestaltung jemanden trägt, der gerade nicht die Kraft hat zu suchen.
Das seelische Ungleichgewicht nach der Entbindung ist weit verbreitet, geht weit über den bekannten Babyblues hinaus und bekommt weniger Aufmerksamkeit, als es bräuchte. Das Konzept ist in enger Zusammenarbeit mit Betroffenen, ehemals Betroffenen, Spezialist:innen und Institutionen entstanden und wurde mit ihnen validiert.
Rolle
Kontext
Oktober 2021 – Februar 2022
Betreuung
Die häufigste Erkrankung nach einer Geburt — und kaum jemand spricht darüber.
Hintergrund zur PPD
Eine postpartale Depression ist eine psychische Erkrankung, die vorwiegend bei Frauen nach der Entbindung auftritt, sekundär aber auch bei Partner:innen. Umgangssprachlich heißt sie Wochenbettdepression und wird oft mit dem postpartalen Stimmungstief, dem Baby Blues, verwechselt.
Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Frühkindliche Erfahrungen, eine belastete Schwangerschaft, eine traumatische Geburt, die hormonelle Umstellung oder familiäre Vorbelastungen können zusammenwirken. Weil die Symptome je nach Person unterschiedlich ausfallen, ist schon die Diagnose schwierig — und weil Betroffene aus Scham und aus Angst vor den Folgen schweigen, kommt sie in den meisten Fällen zu spät, wenn sie überhaupt kommt. Bis zum Erstgespräch vergehen im Schnitt 5,7 Wochen, bis zum Therapieplatz 20.
Problematik
Bis zu 22 Prozent der Schwangeren in Deutschland entwickeln eine postpartale Depression, rund hunderttausend Frauen im Jahr. Wer dann Hilfe sucht, trifft auf ein System, das darauf nicht eingerichtet ist. Und die Krankheit nimmt einem genau das, was man bräuchte, um sich durch dieses System zu arbeiten.
Zielpersonen
Primär für betroffene Mütter und ihre Partner:innen, sekundär für das Umfeld — Familie, Freundinnen, Freunde. Gerade die reagieren oft mit Unverständnis, und genau deshalb gehören sie dazu: Wer helfen will, muss zuerst verstehen, was da passiert.
Outcome / Lösung
Uns ging es vor allem darum, eine Anlaufstelle zu sein und bei allen weiteren Schritten zu helfen. Ein Wegweiser, der das Thema portioniert, erklärt, und dann so lange begleitet, bis man es durchgekaut hat. Nicht ein Wissensberg auf einmal, sondern das, was gerade dran ist.
Die Lösung nimmt sich den Problemfeldern rund um die Erkrankung an: Über zusammenhängende Teillösungen aus Webseite, App, Kampagne und einem Werkzeug für Spezialist:innen bekommen Nutzer:innen Inhalte, die auf ihre Situation zugeschnitten sind.

Von der ersten Recherche bis zur Abgabe.
Die Reihenfolge stimmt; die Doku hält nur Anfang und Abgabe als Termine fest.
Recherche
„5 %, also jeder 20. Mann leidet auch selbst an einer PPD. Auffällig war, dass von den 10 Betroffenen, die wir untersucht haben, nur einer die therapeutische Hilfe in Anspruch genommen hat.“
Gespräche mit allen Gruppen, die an einer postpartalen Depression beteiligt sind: Betroffene selbst, ihre Partner:innen, das nähere Umfeld — und auf der anderen Seite Hebammen, Gynäkologie, Therapie und eine Klinik. Sechs Gruppen, weil die Krankheit nie nur eine Person betrifft.
Das Konzept
Aus der Recherche wurden sechs Bausteine, die ineinandergreifen: eine Webseite als Kern, eine App als mobiler Begleiter, das Patenprogramm für den Austausch untereinander und der direkte Draht zu Fachleuten — im Notfall ohne Umweg.

Startseite und Landings
Ankommen ist das Erste, was passieren muss. Die Startseite empfängt mit einer warmen, wandernden Aura und direkter Ansprache. Von dort ordnen sich Nutzer:innen selbst zu und landen auf einer eigenen Seite: die für Betroffene vollständig ausgestaltet, die für Partner:innen und Angehörige konzipiert, aber nie als Prototyp getestet.

Ratgeber
Artikel, Erfahrungsberichte, Übungen und Videos — geführt statt gesammelt, portioniert statt als Wissensberg. Jeder Text lässt sich auch hören, denn mit einem Säugling auf dem Arm liest man selten. Der EPDS-Selbsttest läuft direkt auf der Seite, sein Ergebnis erscheint als Bild statt als Punktzahl.

Spezialistensuche
Ein Verzeichnis verifizierter Profile erspart die Suche durch ärztliche Portale und zeigt, wo ein Platz frei ist. Termine und Online-Sprechstunden laufen über ein privates Profil; eine Verbindung entsteht nur, wenn beide Seiten ihre ID tauschen. Auf der anderen Seite steht ein eigenes Desktop-Werkzeug für die Praxen.

Patenprogramm
Eine Vermittlung an ehemals Betroffene, die ein offenes Ohr haben. Das nahe Umfeld reagiert häufig mit Unverständnis, und Betroffene neigen dazu, die eigene Situation zu überspielen. Hier lässt sich mit jemandem sprechen, der Ähnliches erlebt hat. Der meistgenannte Wunsch aus der Konzeptvalidierung.

App
Ausdrücklich Ergänzung, nicht Ersatz — der Nutzungskontext ist ein anderer, wenn man nachts wach ist und eine Hand frei hat. Ratgeber, Termine, Nachrichten, die tägliche Stimmungsabfrage und der SOS-Knopf. Mit Dark Mode.

SOS
Ein Knopf, der über allem liegt und aus jeder Seite heraus das Bereitschaftstelefon öffnet — ohne Navigation, ohne Suche. In schweren Fällen liegt das Suizidrisiko bei bis zu sieben Prozent; an dieser Stelle darf nichts im Weg stehen.
Farbe statt Fotos, Bewegung statt Effekt.
Die Seite kommt ohne ein einziges Foto einer Mutter aus. Stattdessen tragen Farbverläufe die Stimmung — auffällig, aber sparsam gesetzt, aus einem Designsystem, in dem jede Ratgeber-Kategorie ihre eigene Farbe hat. Genau das wurde im zweiten Test von Betroffenen ausdrücklich gelobt.
Jede Landingpage hat ihren eigenen Einstiegstext und ihre eigene Animation. Das ist kein Schmuck: Die Seite soll ihre Nutzergruppe direkt ansprechen, sofort wiedererkennbar sein und sich von den anderen abgrenzen. Wer als Partner ankommt, soll nicht das Gefühl haben, er läse die Seite einer anderen.
Warum Aurora?
Das Polarlicht heißt wissenschaftlich Aurora. Die Plattform soll Wegweiser sein, und ihre Farben verhalten sich wie ein Polarlicht: verschiedene Töne, die ineinanderlaufen. Das „o“ im Schriftzug ist das Stimmungsbild aus dem persönlichen Bereich — die Marke ist also wörtlich das, was die Nutzerin von sich selbst sieht.
Die Animationen sind der Teil dieser Arbeit, den ich allein gemacht habe: die bewegten Seitencover und das Stimmungsbild.
Startseite
Die gelbe Aura wandert beim Scrollen zwischen den Themenpunkten. Sie ist der wärmende Empfang, mit dem die Seite anfängt.
Landingpage
Rosa nach Mint: ein anderer Einstiegstext, eine andere Bewegung. Jede Nutzergruppe bekommt ihre eigene, und man erkennt sofort, wo man ist.
Hilfsangebot
Im Verzeichnis tritt die Farbe zurück. Wer hier ist, sucht keine Stimmung, sondern einen Termin.
Ein Gefühl braucht keine Punktzahl.
Jeden Tag fünf Gegensatzpaare auf Schiebereglern, dazu das Ergebnis des Selbsttests. Daraus entsteht kein Wert, sondern ein Bild: eine weiche farbige Aura, die sich langsam verändert. Eine Depression lässt sich nicht auf eine Zahl bringen, und ein schlechter Punktwert macht einen schlechten Tag nicht besser. Läuft der Verlauf sieben Tage nach unten, meldet sich die Seite von selbst und rät zum Gespräch — mit der Partnerin, dem Partner oder der Fachperson.
Dieselbe Aura steht als „o“ im Schriftzug.

Ein Konzept, das jemand bauen müsste.
Aurora blieb ein Konzept mit Klickdummy, und die Arbeit sagt das selbst deutlich: Die Ausgestaltung sei als hypothetisches Konzept zu betrachten, das durch weitere Validierung überprüft und dann umgesetzt werden kann. Unabhängig davon bräuchte es medizinische Screenings nach der Geburt, eine bessere Versorgung und klare Verantwortungsbereiche. Bezieht man Hebammen und Doulas mit ein, entstünde ein Austausch von Fachwissen, der der Problematik entgegenwirkt. Wir glauben, dass wir mit dem Konzept einen kleinen Schritt in die richtige Richtung gehen konnten.
Alle Tester:innen fragten, ob wir vor hätten die Lösung nach Abschluss auch tatsächlich umzusetzen.
Der Klickdummy in Figma, Stand 2021 — dieselbe Fassung, mit der beide Nutzertests liefen.
- Hana Amer
- Jasmin Klement
- Alina Schadt
Bachelorarbeit im Studiengang Interaktionsgestaltung, HfG Schwäbisch Gmünd, Wintersemester 2021/22. Research und Konzept entstanden im Team.
